Liebe Kolleginnen und Kollegen,
stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Sie betreten morgens Ihre Praxis. Sie sind konzentriert, bereit, mit Empathie, Präzision und dem berühmten zahnärztlichen Feingefühl den Tag zu beginnen. Doch der erste, der Ihre volle Aufmerksamkeit beansprucht, ist nicht der erste Patient auf dem Stuhl – es ist der Bildschirm. Und er ist, wie so oft, unzufrieden.
Ein Update verlangt nach Zuwendung. Die Praxissoftware startet im Schneckentempo. Das Kartenlesegerät zickt. Und aus dem Nichts meldet sich ein „kritischer Fehler im Modul Kommunikationsserver“. Sie veranlassen sofort, dass ein „Rettungsdienst“ angerufen wird, der sich online zuschalten soll, und schon begleitet Sie eine überfreundliche KI-Stimme in eine aussichtslose Warteschleife. Währenddessen wartet am Empfang ein verunsicherter Patient, den niemand wirklich ansehen kann, weil der Bildschirm gerade die lautere Stimme hat.
Wir sprechen gern vom „Patienten im Mittelpunkt“. Doch je mehr unsere Praxen digitalisiert werden, desto mehr verschiebt sich dieser Mittelpunkt. Der wahre Patient scheint heute der Monitor zu sein. Er will gepflegt, gefüttert, beobachtet und ständig neu versorgt werden – mit Aktualisierungen, Lizenzen, Sicherheitszertifikaten und Kompatibilitätsprüfungen. Der digitale Patient ist anspruchsvoll, fordernd – und selten dankbar.
Ist das noch Digitalisierung im Dienste des Menschen? Oder haben wir uns längst in einen digitalen Gehorsam hineinkonditionieren lassen?
Sinngemäß in der Tradition des scharfsinnigen Satirikers Douglas Adams ließe sich sagen: „Technologie sollte wie ein guter Butler sein – hilfreich, diskret und im Hintergrund“. Bei uns aber hat sich der Butler zum Hausherren aufgeschwungen. Und wir nicken ergeben, wenn die Technik wieder mal entscheidet, ob und wie wir arbeiten dürfen.
Natürlich haben digitale Werkzeuge großes Potenzial. Sie können entlasten, automatisieren, beschleunigen. Wenn sie klug gemacht sind, intuitiv, störungsarm und verlässlich – dann dienen sie uns. Doch wann und wie dauerhaft ist das der Fall? Und wie oft erleben wir das Gegenteil – dass Systeme uns Zeit stehlen, Nerven rauben und unsere Professionalität untergraben?
Der wertvolle Augenkontakt zum Patienten, der subtile Ausdruck zwischen Schmerz und Vertrauen, die stille Kommunikation zwischen Behandler und Assistenz – all das leidet, wenn der Blick dauerhaft auf eine flackernde Benutzeroberfläche fällt. Und mehr noch: Wir laufen Gefahr, unsere Freiberuflichkeit scheibchenweise an ein System abzugeben, das uns nicht begleitet, sondern kontrolliert.
Es ist höchste Zeit, dass wir diese Entwicklung nicht länger nur tolerieren, sondern mitgestalten. Dass wir kritisch bleiben, hinterfragen, uns nicht von Technik überrollen lassen, sondern sie zu unserem Werkzeug machen – nicht zu unserem Meister.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, inmitten all dieser Herausforderungen wünsche ich Ihnen von Herzen, dass Sie in den kommenden Wochen auch Momente ohne Bildschirme genießen dürfen: den Blick in die Ferne, das Lesen eines echten Buches, das interessante Gespräch ohne E-Mail-Benachrichtigung – und vor allem eine erholsame Sommerzeit, in der Sie Kraft und Klarheit schöpfen.
Bleiben Sie wach. Und bleiben Sie menschlich.
Herzlich
Ihr Dr. Sascha Faradjli